Der Podcast „Klassenführung und mehr – KFUM001: Wie vermeide ich Unterrichtsstörungen?“ von Dr. Johannes Lang und Raphael Schulmeister-Dick bietet viele praxisnahe Impulse. Besonders stark sind die Betonung von Beziehungsarbeit, klaren Regeln und kollegialer Einigkeit. Dieser Beitrag versteht sich als konstruktive Weiterdenken einiger zentraler Thesen – aus der Perspektive von Medienbildung und selbstgesteuertem Lernen.

Digitale Geräte im Unterricht: Fragen an die Klassenführung

Im Mittelpunkt der Podcastfolge steht die Frage, wie Unterrichtsstörungen vermieden werden können. Dabei diskutieren Johannes Lang und Raphael Schulmeister-Dick immer wieder die Rolle digitaler Endgeräte und die Frage, wie deren Nutzung im Unterricht geregelt werden sollte:

„Ich als Lehrkraft entscheide das. Wann und wie wird das Gerät lernwirksam eingesetzt.“

Und an anderer Stelle:

„Die volle Aufmerksamkeit muss hier auf die Kommunikation untereinander gelegt werden.“

Die dahinterstehende Perspektive ist nachvollziehbar: Unterricht soll konzentriert ablaufen, Ablenkungen sollen reduziert werden und Schüler sollen wissen, wann digitale Geräte benötigt werden und wann nicht. Dennoch werfen einige Aussagen Fragen auf, die über die reine Klassenführung hinausreichen und grundlegende Aspekte von Lernen, Medienbildung und Selbststeuerung betreffen.

Ist Austausch nur ohne digitale Medien möglich?

Ein zentraler Gedanke des Podcasts lautet, dass es Phasen gibt, in denen digitale Geräte nicht benötigt werden, weil die Kommunikation zwischen den Beteiligten im Vordergrund steht. Konkret wird empfohlen, das Tablet in der Instruktionsphase umzudrehen oder zuzudecken, damit die volle Aufmerksamkeit auf den direkten Austausch gerichtet ist.

Doch ist Kommunikation tatsächlich das Gegenteil von Gerätenutzung?

Gerade digitale Werkzeuge haben in den letzten Jahren zahlreiche neue Kommunikationsformen hervorgebracht:

  • Peer-Feedback in kollaborativen Dokumenten
  • Kommentare zu Schülerarbeiten
  • digitale Pinnwände
  • Foren
  • Chats
  • gemeinsame Annotationen von Texten
  • kollaborative Schreibprozesse

Dabei ersetzen digitale Kommunikationsformen häufig nicht den direkten Austausch, sondern ergänzen ihn. Eine Lerngruppe diskutiert beispielsweise ein Problem mündlich, während parallel Ideen auf einem digitalen Whiteboard gesammelt werden. Schüler führen ein Gespräch und geben sich gleichzeitig schriftliches Feedback in einem gemeinsamen Dokument. Die Kommunikation findet dann nicht trotz, sondern mit Hilfe digitaler Werkzeuge statt.

Noch deutlicher wird dies in Konzepten wie dem Flipped Classroom. Dort werden Instruktionen (auch organisatorische Instruktionen!) oder fachliche Inputs in den digitalen Raum ausgelagert. Die Präsenzzeit dient anschließend gerade dem Austausch, der Diskussion und der Vertiefung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb möglicherweise nicht: „Findet Kommunikation mit oder ohne Geräte statt?“

Sondern: „Wie können digitale und analoge Kommunikationsformen sinnvoll zusammenspielen?“

Wer entscheidet über die Nutzung des Geräts?

Besonders interessant erscheint die Aussage:

„Ich als Lehrkraft entscheide das. Wann und wie wird das Gerät lernwirksam eingesetzt.“

Für die Klassenführung ist diese Position nachvollziehbar. Klare Regeln reduzieren Unsicherheiten und erleichtern das gemeinsame Arbeiten. Aus einer Perspektive der Medienbildung stellt sich jedoch eine weitergehende Frage:

Sollte jede Nutzung eines digitalen Geräts tatsächlich von der Lehrkraft freigegeben werden?

Ein Schüler möchte während einer Lernphase

  • einen Fachbegriff im Glossar nachschlagen
  • seine eigenen Notizen öffnen
  • den Arbeitsauftrag erneut lesen
  • eine Grafik vergrößern
  • eine frühere Unterrichtsnotiz öffnen

Muss dafür jedes Mal eine ausdrückliche Erlaubnis vorliegen? Oder gehört genau diese selbstständige Entscheidung bereits zur Medienkompetenz? Wenn Schüler lernen sollen, digitale Medien verantwortungsvoll einzusetzen, benötigen sie auch Gelegenheiten, Entscheidungen über deren Nutzung selbst zu treffen. Medienbildung bedeutet schließlich nicht nur Regelbefolgung, sondern auch Urteilsfähigkeit.

Muss ein digitales Endgerät den Unterricht zwingend „besser“ machen?

Zum Ende des Podcasts wird ausformuliert:

„Wenn wir ein digitales Tool einsetzen, sollten wir uns schon fragen, wird mein Unterricht damit wirklich besser?“

Diese Forderung erscheint auf den ersten Blick selbstverständlich. Dennoch lohnt sich eine Gegenfrage:

Warum wird dieser Maßstab fast ausschließlich an digitale Werkzeuge angelegt?

Niemand fragt gewöhnlich:

  • Wird mein Unterricht durch dieses Arbeitsblatt wirklich besser?
  • Wird mein Unterricht durch dieses Schulbuch wirklich besser?
  • Wird mein Unterricht durch diese Tafelanschrift wirklich besser?

Bei analogen Medien genügt meist die Annahme, dass sie ihren Zweck erfüllen. Im besten Falle wird also angenommen, dass sie schon irgendwie lernwirksam sind. Warum sollte für digitale Medien ein anderer Maßstab gelten?

Ebenso plausibel ließe sich argumentieren:

Ein Unterricht sollte grundsätzlich digital sein und analoge Medien sollte man nur dann einsetzen, wenn diese den Unterricht besser machen. Solche Positionen erscheinen einseitig. Vielleicht führt deshalb weder ein Vorrang des Digitalen noch ein Vorrang des Analogen weiter. Möglicherweise beschreibt die Unterscheidung zwischen „digital“ und „analog“ die Realität heutiger Lernprozesse nur noch unzureichend. Vieles findet inzwischen in einer Verbindung beider Welten statt.

Selbstregulation als Bildungsziel?

Screenshot Aufgabe Bildquelle: Erstellt mit KI (Gemini), Juni 2026

Wie lernen Schüler, ihre Aufmerksamkeit selbst zu steuern?

Die zentrale Kompetenz einer digitalisierten Welt besteht möglicherweise nicht darin, Geräte nur dann zu nutzen, wenn eine Lehrkraft dies erlaubt, sondern darin, selbst beurteilen zu können:

  • Wann hilft mir ein digitales Werkzeug?
  • Wann lenkt es mich ab?
  • Wann ist ein Gespräch hilfreicher?
  • Wann brauche ich Informationen aus meinen Notizen?
  • Wann sollte ich das Gerät bewusst schließen?

Gerade diese Fähigkeit zur Selbstregulation dürfte weit über die Schulzeit hinaus bedeutsam sein. Klare phasenbezogene Regeln (besonders in jüngeren Klassen oder bei der Einführung von Tablets) schaffen Struktur und Sicherheit. Gleichzeitig sollte mit zunehmendem Alter und wachsender Medienkompetenz der Schüler mehr Raum für eigenverantwortliche Entscheidungen entstehen. Medienbildung bedeutet nicht nur Regelbefolgung, sondern auch die Entwicklung von Urteilsfähigkeit und Selbstregulation.

Der Podcast liefert wertvolle Vorschläge für gelingende Klassenführung. Gleichzeitig zeigt er, wie wichtig es ist, Regeln nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zu größerer Selbstständigkeit und Medienmündigkeit zu sehen. Genau hier lohnt es sich, die Diskussion weiterzuführen.